Stuttgart 1879 und Madame Chaudé de Silans

Hallo zusammen, wer kennt Chantal Chaudé de Silans? So fragte heute Abend unser Ehrenmitglied Wolfgang Schmid in einer Mail an einige Vereinsmitglieder. Fahren wir zunächst mit Wolfgangs Mail fort: „Gestern wäre sie 100 Jahre geworden! Anlässlich des 75-jährigen Bestehens richtete bekanntlich unser Verein (Stuttgart 1879) ein internationales Rundenturnier aus. Im Gegensatz zu heute, war so etwas damals noch eine Seltenheit und ein absolutes Großereignis. Am Start waren u.a. GM Pilnik (Deutschland/Argentinien) und der Fernschachweltmeister GM O'Kelly (Belgien). Aus der Region kamen Spitzenspieler wie Machate und Schuster, dazu der junge Eberhard Herter und unser Onkel Hans Schmid. Unser Vater (Alfons Schmid) und mein damaliger Mathelehrer Hans Osswald mussten tagsüber dem Beruf nachgehen und belegten gemeinsam den letzten Platz.

Star der Veranstaltung war aber zweifellos die mehrfache französische Meistern (WIM) Madame Chaudé de Silans, die sogar einmal bei der Schacholympiade für Frankreich in der offenen Klasse spielte. Sie gehörte zu den stärksten Spielerinnen der Welt und erhielt 1990 den Titel Ehren-Großmeister der Frauen. Als kleiner „Bub“ verfolgte ich das Geschehen mit großen Augen. Ein Bericht zu dem Turnier findet sich, außer in dem Buch Schach in Württemberg von Eberhard Herter, auch im Schachecho 24/1954 (siehe Anlage)“.

So weit Wolfgang Schmid. Bei den Brüdern Hartmut und Wolfgang Schmid liegt Spitzenschach also schon in der Familie. Aber schauen wir, was man im Schachecho und von Theo Schuster in der Stuttgarter Zeitung lesen konnte! Hier der Text aus dem Schachecho vom Dezember 1954 (die Rechtschreibreform von 1996 war damals noch nicht bekannt).

Der Schachverein Stuttgart 1879 veranstaltete anläßlich seines 75jährigen Bestehens ein internationales Turnier
Pilnik (Argentinien) siegt

Der Schachverein Stuttgart 1879 veranstaltete anläßlich seines 75jährigen Bestehens ein internationales Turnier, das folgenden Schlußstand zeitigte: 1. Pilnik (Argentinien) 9½, 2. O'Kelly (Belgien) 9, 3.-4. Machate (Feuerbach) und Wolk (München) 8, 5. Schuster (Bad Cannstatt) 5, H. Schmid (Bad Cannstatt) 7, 7.-8. Lutz (Stuttgart) und Oette (Stuttgart) je 4½, 9. Madame Chaudé de Silans (Frankreich) 4, 10. Herter (Stuttgart) 3½, 10.-11. A. Schmid und Osswald (beide Stuttgart) je 1½ P.

Wir entnehmen der „Stuttgarter Zeitung“ nachfolgenden von Theo Schuster geschriebenen Bericht:

Der Sieg von Großmeister Pilnik war sehr sicher, wenn auch der Abstand von seinem belgischen Kollegen nur einen halben Punkt beträgt. O'Kelly fiel durch seine Startniederlage zurück, gab aber dann nur noch zwei Unentschieden ab, während Pilnik ungeschlagen das Turnier beendete. Freudig begrüßt von den schwäbischen Schachfreunden wird der Erfolg von Machate, der nach längerer Pause wieder ausgezeichnet spielte. Die Chance als einziger den Turniersieger zu schlagen, hatte Wolk in der 9. Runde; Pilnik verteidigte sich aber trotz Qualitätsverlust (für einen Bauern) sehr aktiv, so daß es doch noch zur Punkteteilung kam. Bei seinen Siegen gegen Herter und Madame Chaudé stand dem Münchner dafür die Glücksgöttin zur Seite. Mit einem Punkt Abstand hinter den vier Ersten konnte Schuster noch den Anschluß zur Spitzengruppe sichern. Hans Schmid führte als Sechster das übrige Feld an, erzielte 1½ Punkte gegen die Spitzengruppe und wahrte damit seinen Ruf als einer zuverlässigsten der württembergischen Meisterklasse. Dichtauf folgen Altmeister Lutz und der frühere Jugendmeister Oette, die mit den erreichten 40 Prozent zufrieden sein dürften. Die französische Meisterin Madame Chaudé de Silans erkrankte während des Turniers und fand in Stuttgart nicht ihre volle Spielstärke. Die Pariserin durfte sich trotzdem der herzlichen Sympathien von Spielern und Zuschauern erfreuen. In einer der interessantesten Partien des Turniers gewann sie nach siebenstündigem Kampf gegen Schuster. Der Unglücksrabe des Turniers war der junge Herter, denn gegen den talentierten Spieler schien sich alles verschworen zu haben. Gegen die Meister Pilnik, Wolk und Machate verschenkte Herter 2½ Punkte und verpatzte zum Ende auch noch eine Gewinnstellung gegen Lutz. Für seine 19 Jahre wird er viel dazugelernt haben und ein anderes Mal wieder vorne dabei sein. Keine großen Lorbeeren hatten sich von Beginn an A. Schmid und Osswald versprochen, die als Mitglieder des Jubelvereins zum erstenmal an einem so stark besetzten Turnier mitgemacht haben. Sie ertrugen ihre Niederlagen mit vorbildlichem Sportgeist.

Beim Festbankett am Sonntagabend durften alle Teilnehmer aus den Händen des rührigen Vorsitzenden Walter Kitt schöne Ehrenpreise entgegennehmen. Mit lang anhaltendem Beifall wurde Madame Chaudé bedacht, als die galanten Stuttgarter ihr als Andenken einen süßen kleinen Langhaardackel mit nach Paris gaben. Mit einem besinnlichen Programm unter Musik und Tanz feierten Ehrengäste, Turnierteilnehmer und Mitglieder mit ihren Angehörigen zum Abschluß das 75jährige Bestehen des Schachvereins Stuttgart 1879.

Nachfolgend einige interessante Partien aus dem Turnier: Herter lieferte einen großen Kampf.


Links:
Wikipedia zu Chantal Chaudé de Silans
Wikipedia zu Herman(n) Pilnik
Eberhard Herters persönliche Erinnerung an die Partie gegen Pilnik
Eberhard Herters 70jähriges Liga-Jubiläum
Eberhard Herters Partie gegen GM Pilnik mit den Kommentaren von Theo Schuster in einer ChessTheatre-Anwendung durchspielen
Ziemlich viele Partien des Internationalen Turniers Stuttgart 1954 in einer ChessTheatre-Anwendung durchspielen

Claus Seyfried




Chantal Chaudé de Silans 1962




Chantal Chaudé de Silans 1951 beim Wettkampf gegen Henry Grob im Kaufhaus Jelmoli in Zürich




Chantal Chaudé de Silans 1950 in Moskau




Herman(n) Pilnik, Argentinier gebürtig aus Stuttgart im Jahre 1963. In der 1950er Jahren zählte er zur Weltspitze.




Aus dem Schachecho 1954/24.




Abschlusstabelle des Internationalen Turniers Stuttgart 1954 zum 75jährigen Jubiläum des Schachvereins Stuttgart 1879.




Aus Eberhard Herters Buch »Schach in Württemberg«, Seite 184




Aus Hartmut Schmids Fotoalbum. Eine fröhliche Runde genießt das Festbankett zum Abschluss des Turniers. Links erkennt man Mme. Chaudé. Rechts daneben mit erhobenem Glas Kitt. Verdeckt vermutlich Pilnik. Bestens erkennbar Schuster, dann weiter Osswald, Hans Schmid, Alfons Schmid, Oette, Herter, Wolk, Machate.